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Film trifft Geschichte

Zeitzeugenfilme im Rahmen der Sonderausstellung
„Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg” 2010

 

Im Rahmen der Sonderausstellung „Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg” im historischen museum frankfurt wurden vier Interviews mit Zeitzeugen durchgeführt. In ihnen waren die individuellen Sichtweisen der Wehrmachtssoldaten und ihre Erinnerungen Thema. Diese sollten die Ausstellung ergänzen, durch die vor allem die Diskrepanz zwischen dem Erkenntnisstand der Geschichtswissenschaft über den Nationalsozialismus und die subjektive, oft positiv geformte Erinnerung an Väter und Großväter an diese Zeit deutlich wurde.

 

Um die technische Qualität der Aufnahmen zu gewährleisten, wurden die Gespräche von einem studentischen Filmteam der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main aufgezeichnet. Das Führen der Interviews wurde von Mitarbeiter/-innen des Fritz Bauer Instituts und des historischen museums frankfurt übernommen.

 

 

Galerie Thumb Nr 0
Galerie Thumb Nr 1
Galerie Thumb Nr 2
Galerie Thumb Nr 3
Galerie Thumb Nr 4
Sichtung der Filme am 20. Juni 2011 in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (c) hmf, Foto: P. Spona

Sichtung der Filme am 20. Juni 2011 in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (c) hmf, Foto: P. Spona

Eine erfolgreiche Kooperation findet ihren Abschluss

 

Entstanden sind zum einen vier mehrstündige Videointerviews, die ungekürzt der wissenschaftlichen Forschung und pädagogischen Vermittlung des Fritz Bauer Instituts und des historischen museums frankfurt zur Verfügung stehen. Sie werden im Stadtarchiv aufbewahrt.

 

Zum anderen erstellten Stephanie Kayß und Philipp Karau unter Leitung von Claus Withopf, Dozent im Bereich Film/Video an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, aus dem insgesamt elfstündigen Videomaterial eigenständige Dokumentarfilme, die nun öffentlich zu sehen sind. Die individuelle Herangehensweise und der Umgang mit der Thematik, die Auswahl und Verwendung unterschiedlicher filmischer Stilmittel zeigen die Vielfalt dokumentarischen Arbeitens, selbst auf der Grundlage des gleichen Ausgangsmaterials. Sowohl durch den unterschiedlichen Fokus als auch durch die Überschneidungen im Material ergänzen sich die beiden Filme und zeigen jeweils neue Aspekte.

 

Kamera
Valentin Denisowski
Stephanie Kayß
Philipp Karau
Maximilian Reimann

 

Produktion und Projektleitung
Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main, Claus Withopf
historisches museum frankfurt, Petra Spona
Fritz Bauer Institut, Gottfried Kößler

 

Zeitzeugen und Interviewer
Günter Sieling (Jörg Osterloh, FBI)
Harry Hügle (Wolf von Wolzogen, hmf)
Hans Limbacher (Petra Spona, hmf)
Hans Pleitgen (Petra Spona, hmf)

Stephanie Kayß und Philipp Karau bei der Sichtung der Filme mit den Kooperationspartnern und Zeitzeugen (c) hmf

Stephanie Kayß

über ihren Film

„Glück gehabt oder wie man den Krieg überlebt”


In „Glück gehabt oder wie man den Krieg überlebt” erzählen vier ehemalige Wehrmachtssoldaten, mal imposant und bewegend, mal lakonisch und still, über den wohl dramatischsten Abschnitt ihres Lebens. Verharmlosung und Stolz schwingen dabei genauso mit wie Traumata und Verdrängung.

 

Philipp Karau

über seinen Film

„so wie ihr euch erinnert”

 

„so wie ihr euch erinnert” ist eine dokumentarisch-fragmentarische Versuchsanordnung von vier ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich unabhängig voneinander, aber doch gleichzeitig erinnern.
Weitgehend entkernt von betulichen Anekdoten gewähren die Protagonisten Einblick in ihr Verhältnis zur eigenen Sozialisation in einem totalen Staat, zur Shoah und zu Verbrechen der deutschen Wehrmacht. Sie ermöglichen eine heterogene / multiple / widerspruchsvolle Perspektive auf das NS-Regime und dessen Ideologie. Der Film legt einen besonderen Fokus auf den Vorgang der Befragung der Interviewten und zeigt diese in ihren nonverbalen Reaktionen im Angesicht der an sie gerichteten Fragen: in den Momenten des Zuhörens und Wartens, des sich Entsinnens und Gedankenfassens und in ihrem Ringen nach Worten.

 

Die Filme sind online über den Vimeo-Account der Offenbacher Hochschule für Gestaltung erreichbar:

 

 

 

 

Kurzbiografien zu den Zeitzeugen

 

Günter Sieling im Interview am 1. Dezember 2010 (c) hmf

Günter Sieling


• 1918: geboren in Berlin
• 1937–1939: Wehrdienst, danach freiwillige Meldung als Soldat, Standort Wittenberg
• Ausbildung zum Unteroffizier in Hanau an der Schule für Heerespioniere

• Militärische Einsätze: als Panzerpionier in Polen, den Niederlanden, Frankreich, Rumänien, Bulgarien und Serbien, Griechenland und der Ukraine

• Nach Verwundung Genesung in Ostpreußen bzw. Bamberg und Kloster Neuburg, dort Heirat
• Nach der Geburt des Sohnes stirbt seine Frau
• 1945–1948: Kriegsgefangenschaft in Baikonur/Kasachstan
• Fotograf und Unternehmer in Frankfurt am Main
• 1955–2005: Mitgliedschaft in der Erinnerungsgemeinschaft „Wiener Division”, Pz. Pi Bat. 86, bis zuletzt als Obmann
• 2008: Veröffentlichung von zwei Bänden seiner Lebenserinnerungen
• lebt in Frankfurt am Main

 

Harry Hügle


• 1923: geboren in Kelkheim als Sohn einer antifaschistisch gesinnten Handwerkerfamilie (Malermeisterei)
• 1929–1937: Volksschulzeit
• 1941 Einberufung zum „Reichsarbeitsdienst”. Malerarbeiten
• Militärische Einsätze: Rekrut beim 9. Ers.- Battr.-Rgt. HG in Utrecht zur Grundausbildung bei der Infanterie. Einsatz bei Neapel als Fernsprecher bei der Nachrichtenstaffel des 4. Art.-Rgt. Hermann Göring. Kampfhandlungen auf Sizilien.
• 1943: Lazarett in Füssen wegen Gelbsucht und Malaria. Genesungsurlaub in Kelkheim.
• stärkste Kämpfe um Monte Cassino/Italien
• Nach Polen verlegt. Augenzeuge des Warschauer Aufstandes
• Ohne eignes Zutun in SS-Schule geschickt. Ausbildung zum Scharfschützen

• Göring-Kaserne in Berlin
• Kriegsende im Raum Dresden/Meißen
• 1956: Erste Teilnahme an Demonstration gegen Wiederbewaffnung
• lebt in Kelkheim

 

Harry Hügle im Interview am 1. November 2010 (c) hmf

Hans Limbacher im Interview am 12. Januar 2011 (c) hmf

Hans Limbacher


• 1923: in der Frankfurter Altstadt geboren
• 1933: Eingliederung ins Jungvolk, verweigert sich später der HJ
• 1941: Ausbildung zum Dachdecker beendet
• Militärische Einsätze: Ausbildung als Panzerpionier in Hann. Münden, dann nach Erfurt zur Ausbildung für gepanzerte Fahrzeuge
• 1941: Truppenübungsplatz Altengrabow. Versetzung nach Grafenwöhr zur Ausbildung als Panzerfahrer
• Verlegung nach Istrien. Kampfhandlungen mit US-Amerikanern. Rückweg nach Deutschland über Hafen Triest
• Verlegung nach Russland. Kessel von Dunajew (Nahkampfabzeichen)
• Lazarettaufenthalt wegen Schlüsselbeinbruch durch Sturz vom LKW beim Rückzug
• 1945: Rückkehr nach Frankfurt. Arbeitsbeginn als Dachdecker nach bereits zwei Tagen
• lebt in Frankfurt am Main

 

Hans Pleitgen


• 1925: geboren in Saarbrücken
• 1928: er kommt als Pflegesohn in die Familie seines Onkels Max Bock, Kindheit daher geprägt durch das politische Schicksal des Sozialdemokraten Max Bock, mit dem er alle Stationen der Emigration durchlief
• 1938–1942: Lehre als Maschinenschlosser in der Staatshandwerkerschule in Luxemburg
• 1942–1943: Maschinenschlosser bei den Plagemann-Werken Berlin, Werk Luxemburg
• 1943–1945: Arbeitsdienst, Militärdienst und Kriegsgefangenschaft in Russland
• 1946: Eintritt in die SPD und die ÖTV, heute Ver.di
• 1968–1989: Bezirksleiter der IG Metall Bezirksleitung Frankfurt für die Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland
• 1968: Stadtverordneter der Stadt Frankfurt am Main
• 1986: Vorsitzender des Vorstands der LVA Rheinland-Pfalz
• lebt in Frankfurt am Main

Hans Pleitgen im Interview am 17. November 2010 (c) hmf